Airbagjacke: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street-System

Hier kommt alles rein, was mit Motorradbekleidung zu tun hat. Ob Frage zu Helmen, Handschuhen ... - KEINE Verkaufsaktionen -
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Silencer
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Airbagjacke: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street-System

Beitragvon Silencer » 21.05.2018, 21:41

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Ich habe es mal gewagt und mir eine Airbagjacke gekauft. Das hier ist ein gekürzter Artikel über die ersten Erfahrungen. Die volle Version der Geschichte, inkl. persönlichem Drama und Rummjamerei warum ich Klamotten kaufen hasse, gibt es im Blog auf https://Silencer137.com

Airbags bei Motorrädern sind noch sehr selten. Das merkt man schon an den Diskussionen, die darum noch geführt werden. "Airbagjacken sind für Pussies" hört man genauso oft wie "Die verleiten zu falschem Sicherheitsdenken, wer sowas trägt, geht nur noch höhere Risiken ein". Das sind natürlich genau die Art von Blödargumenten, die wir schon bei der Einführung der Helmpflicht gehört haben. Oder, die Älteren erinnern sich, als bei Autos die ersten Airbags aufkamen. Oder noch früher, als Sicherheitsgurte und Kopfstützen Pflicht wurden. Immer die selben, dummen Sätze, immer die gleichen Pseudoargumente. Darf man gar nicht hinhören, kriegt man nur Blutdruck von.

Tragbare Arbagsysteme sind heute technisch möglich, und sie werden sich nur noch weiter verbreiten. Aktuell gibt es im Einsteigersegment schon Systeme, die man wie Rettungswesten über dem Fahreranzug trägt und die mit einer Reissleine oder einem Sensor ans Motorrad gekoppelt werden. Die Idee dabei: Macht man einen Abflug über den Lenker, soll die Leine oder der Sensor die Weste auslösen. Problem dabei: Die Auslösezeit ist mit gemessenen rund 200 Millisekunden sehr lang. In der Zeit kann es sein, dass schon ein Einschlag stattgefunden hat und man muss sich wirklich schon im Flug befinden. Dafür sind diese Systeme recht günstig, rund 500 Euro muss man für so ein Ding in Schwimmwestenoptik hinlegen..

Ästhetischer sind die Systeme, die gleich in die Klamotten eingebaut werden. Die lösen über Sensoren und einen Computer im Inneren aus, und zwar wesentlich schneller als die Reissleinenkollegen. Problem dabei: Die Teile gibt es nur von zwei Herstellern und sind unfassbar teuer.

Mir sagte das Airbag-System der italienischen Firma Alpine Stars</a> sehr zu. Das "Tech Air" ist komplett autark, also unabhängig vom Motorrad. Außerdem ist es modular: Der ganze Airbagkram steckt in einer Weste, dem sogenannten Chassis, und das kann in verschiedene Jackenmodelle eingesetzt werden. Die Airbagweste kostet im Frühjahr 2018 rund 1.200 Euro. Die zugehörige Tourenjacke geht für 700 Euro über die Theke. Das ist für mich sehr, sehr viel Geld. Aber ein Unfall im letzten Jahr brachte mich dann zum Nachdenken, und dank einer kleinen Steuerrückzahlung stand für mich jetzt fest:
Neue Jacke brauche ich eh, und jetzt wollte ich mal so ein Airbagteil ausprobieren. Damit fingen die Probleme an. Die Dinger kann man auch nicht online bestellen. Airbags enthalten immerhin pyrotechnische Ladungen, Lithium-Ionen-Akkus und und Gaskartuschen, die explosionsartig ihre Inhalt freigeben. Sowas wird nicht verschickt, und sowas wird auch nicht überall verkauft. Jeder Verkäufer muss von Alpine Stars an dem System geschult werden.

Louis, eine der führenden Ketten für Motorradbekleidung und Zubehör, hat in Deutschland nur sechs Filialen, in denen sie das Tech Air-System verkaufen, und nur eine davon ist in Mittel- bzw. Norddeutschland.
So verschlug es mich nach Hannover, wo ich die Valparaiso-Jacke ausprobierte. Das war nicht ganz einfach. Die Tourenjackebesteht nämlich aus drei Einzeljacken: Unter die eigentliche Lederjacke kommt eine Jacke aus Membranmaterial, und darunter bei kaltem Wetter noch ein Thermofutter. Und DARUNTER noch der Airbageinsatz.

Oberjacke:
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Schichtkuchen: Jacke in Jacke in Jacke
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Thermofutter:
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Membranjacke:
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Die Membran ist übrigens die Alpine-Stars-eigene "Drystar", Goretex oder Sympatex gibt es nicht.

Die Verarbeitung der Valparaiso ist sehr gelungen für eine Textilkombi. An den sturzgefährdeten Stellen ist Leder verbaut, der Textilteil ist aus Polyamid. Es ist allerdings kein Cordura (das ist nur ein Markenname für die Polyamid-Mischung eines schweizer Unternehmens), sondern eine Eigenentwicklung von Alpine Stars.

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An den Gelenken gibt es Stretcheinsätze. Die sollen für bequemeren Sitz sorgen, außerdem bieten sie eine Expansionszone, wenn der Airbag ausgelöst wird.

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Die Jacke hat vier vordere Außentaschen. Zwei davon sind mit einer Silikonmembran versehen, die sich nach dem Schließen darüberlegt und die Taschen wie mit einer Haut wasserdicht verschliesst. Die Reissverschlüsse heilen sozusagen langsam zu. Wie abgefahren ist das bitte?

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Auf der Innenseite gibt es mehrere Netzinnentaschen und eine wasserdichte Napoleontasche.

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Rundherum sind Reflektoren eingearbeitet, von der dezenteren Sorte.

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Auch für Lüftung ist gesorgt. Vorne kann man mittels Reißverschluss beide Brustsegmente komplett öffnen. Da geht der Fahrtwind rein...

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... und am Rücken, der sich komplett öffnen lässt, kommt er wieder raus.

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Auch die Ärmel lassen sich öffnen. Der Zweiwegereissverschluss erleichtert wahlweise das Einsteigen mit Handschuhen oder hält die Handschuhe fest und ermöglicht Durchlüftung

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Am verlängerten Rücken ist noch eine Tasche, in der sich die Membraninnenjacke verstauen lässt.Trägt man die nicht unter der Hauptjacke, wird es übrigens sehr schnell recht kühl. Das Außenmaterial ist dünn, da merkt man schon den Fahrtwind.

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Das Ganze ist sehr, sehr leicht, obwohl die Jacke schon Protektoren enthält. Die müssen aus D3O-ähnlichem Material sein, sie sind sehr dünn und flexibel, haben aber trotzdem Schutzklasse II.
Die Leichtigkeit und die gute Lüftung muss auch sein, denn in diese Jacke kommt ja noch die eigentliche Airbagweste.
Die besteht aus Polyamid mit einem Meshgewebe darüber.

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Im Inneren findet sich übrigens der Hinweis "Schutz kann nicht garantiert werden" - um genau den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen, die o.g. Argumentation des verminderten Risikobewusstseins aufgrund falschen Sicherheitsgefühls anführen.

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Die Rückseite wird von einem Kunststoffprotektor bedeckt. Genau wie bei einer "Schildkröte", den klassischen Protektorenwesten. Die Weste schützt also schon passiv, auch ohne Airbag ist hier Schutzwirkung gegeben.

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Anders als bei anderen Westen enthält dieser Protektor aber den Steuercomputer für das Airbagsystem sowie zwei Argon-Gaskartuschen. Das folgende Video beginnt an dem Punkt, an dem der Aufbau gezeigt wird:

https://youtu.be/oti4orqZUks?t=1m44s

Im Rücken und den Schultern der Weste sind Sensoren eingelassen, sowohl zur Messung der Lage als auch der Beschleunigung.

Der Steuercomputer enthält die eigentliche Magie, und zwar in Form von Algorithmen, die mit den über Jahrzehnte gesammelten Daten aus dem Rennsport angelernt wurden. Anhand der Sensordaten in der Weste muss die Software einige Tausend Mal pro Sekunde das Szenario berechnen und entscheiden, ob der Fahrer nur gerade doll bremst, Off-Road fährt, über seine eigenen Füße gestolpert ist oder ob es gerade einen Unfall gibt, und der Fahrer irgendwo gegen fährt oder angefahren wird. Diese Software ist es, die das System so verdammt teuer macht.

Errechnet das System aus den Sensordaten, dass gerade ein Unfall passiert ist, löst die Weste innert 30 ms aus - das ist deutlich bevor ein Einschlag passieren kann. Eine versehentliche Auslösung soll nicht möglich sein - dafür dient u.a. eine Kalibrierung bei jedem Start des Systems und ein Failsafe, was die Sensoren angeht, denn aus mindestens 2 von denen müssen ein Unfallszenario herleiten lassen.

Das eigentliche Aufblasen ist dann geradezu unspektakulär: Es gibt einen kleinen Knall, und die Jacke wird etwas dicker - und bretthart. "Als ob einen jemand heftig umarmt", so drückt es der Verkäufer aus, der im Rahmen seiner Schulung sowas mitgemacht hat.
Das folgende Video zeigt, wie eine Jacke ausgelöst wird:

https://youtu.be/X3tREs_ycck?t=37s

Die Luftpolster schützen Nieren, Oberbauch, Brust, Rücken und Schultern. Insbesondere Nieren und Brust werden bislang bei Moppedklamotten sträflich vernachlässigt. Hand auf´s Herz, wer hat Brustprotektoren? Oder auch nur Klamotten, die darauf vorbereitet wären? Eben. Und doch sterben jedes Jahr Motorradfahrer an Verletzungen des Brustkorbs.

Nach der Auslösung entweicht die Luft innerhalb von 2 Minuten langsam aus dem Anzug.

Die Weste gibt es in zwei Ausführungen: "Street" und "Race", wobei die "Race"-Version auch per Software auf die Straßenversion umgepatcht werden kann. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass im "Race"-Modus zwei mal ausgelöst werden kann, im "Street"-Modus nur einmal. Das liegt daran, dass Unfälle auf der Rennstrecke gut definierbarem Muster folgen. Dafür wird nur eine der Argonkartuschen verfeuert, bei einem glimpflichen Unfall kann der Fahrer gleich weiterfahren und hat noch einen zweiten Schuß.

Bei Straßenunfällen kann aber alles passieren, z.B. kann einem ein Auto von hinten reinfahren - und dann soll die Jacke rund herum auf das maximale Volumen aufgepustet werden. Die "Street"-Version verbaut übrigens auch BMW in ihre Airbagjacken.

Der Computer im Rückenpanzer hat drei Anschlüsse. Zwei davon sind Datenkabel, die an die Jacke angeschlossen werden. Eines prüft,. ob die Jacke vernünftig geschlossen wurde, eines gibt Statusmeldungen an den LED-Panel im Ärmel aus. In der Mitte sitzt ein Micro-USB-Port zum Aufladen des Akkus. Außerdem kann man die Weste an einen Rechner anschließen, und mit einer Software von Alpine Stars die Funktion prüfen, den Fehlerspeicher auslesen, neue Firmware einspielen oder zwischen Renn- und Straßenmodus hin- und herpatchen.
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Airbagweste und Jacke

Dann kam der Moment der Hochzeit, das Chassis wurde mit der Jacke vermählt. Der Einbau ist schnell erledigt: An drei Punkten wird die Weste in Schlaufen in der Jacke eingeknüpft, zwei Reissverschlüsse verbunden und die Datenkabel im Rücken der Jacke angesteckt. Fertig.


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Am linken Jackenärmel befindet sich ein LED-Panel, das bei Verbindung mit der Airbagweste anzeigt, ob das System eingeschaltet und funktionsbereit ist und wie der Ladestand des Akkus ist. Der benötigt 6 Stunden zum Laden und hat dann Saft für 25 Stunden Betrieb.

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Der Akku ist von Ansmann.

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Dann probierte ich in aller Ruhe rum und stellte zu meiner ziemlichen Überraschung fest: Die Elektronik in der Valparaiso-Jacke ist echt gewöhnungsbedürftig! Eigentlich soll sich das System einschalten, sobald die Jacke geschlossen wird. Nur: Das funktionierte bei meiner nicht zuverlässig. Mal startete es, mal nicht.
Nach kurzer Zeit wusste ich auch warum. Tech-Air Jacken und Westen haben normalerweise einen Klettverschluss über den Sensoren am Jackenverschluss. Liegen die übereinander, bootet der Computer. Nur: Meine Jacke hatte diese Klettriegel nicht. Anscheinend kamen die erst in einer späteren Revision, und die in Hannover gekaufte Jacke war so alt, das sie das nicht hatte. Na super.

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Kurz entschlossen bestellte ich bei Louis in Hamburg noch eine Valaparaiso in M. Die hatte allerdings ebenso wenig einen Klettverschluss wie die erste. Das ist schade, aber mittlerweile habe ich einen Handgriff gefunden, mit dem ich die Jacke schließen und das System auf Anhieb starten kann. War letztlich eine Gewöhnungssache, dafür gab es diese Version der Jacke zum halben Preis. Denoch: Wer sich so eine Jacke zulegen will, muss auf diesen Klettverschluss achten!

Erfahrungen mit dem Tech Air-System: Negatives...

Recht schnell stellte sich raus, dass noch einiges mehr am Tech Air nervt. Am meisten die Zeit, die das System zur Kalibration benötigt. Wird die Jacke geschlossen, fängt das LED-Panel mit einer Lichtershow an. Hört die auf, ist der Rechner im Rückenpanzer online und kalibriert die Sensoren. Jetzt blinkt nur noch eine grüne LED, und zwar zwischen 20 und 60 Sekunden. In der Zeit sollte man nicht still stehen, aber auch keinen Dauerlauf machen. Am besten irgendwas dazwischen, dann klappt die Kalibrierung.
Meistens.

In 10 Prozent der Fälle klappt sie nicht, dann musst man die Jacke nochmal öffnen und wieder schließen. Über eine Minute bis alles läuft, und das aber auch nur in 9 von 10 Fällen - das ist nicht gut genug. Eigentlich.
Erstaunlicherweise nervt es in der Praxis dann aber gar nicht so sehr. Jacke schließen, Handschuhe anziehen, Helm aufsetzen - bis man damit fertig ist, ist das System online und kalibriert.

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Was mehr nervt: Knöpft man die Weste, wie in der Anleitung beschrieben, mittels zwei Druckknöpfen in eine Halterung am Rücken der Jacke ein, hängt die so hoch, dass dadurch der Kragen so eng wird, dass er auf dem Kehlkopf aufliegt und einem die Luft abdrückt. Abhilfe schafft hier einfach Ignoranz: Wenn man die Druckknöpfe ignoriert und den Airbageinsatz nur an den Frontreissverschlüssen und den drei Laschen im Rücken einknöpft, hat man das Problem nicht. Im Gegenteil, dann trägt der Protektor nicht mal dick auf, und die Jacke sieht aus wie eine gewöhnliche Motorradjacke.

Sie ist halt nur schwerer. Die eigentliche Valparaiso-Jacke ist mit 1.800 Gramm inkl. Protektoren superleicht, aber die Airbagweste wiegt halt 2 Kg. Fast 4 Kg Jacke, das muss man auch erstmal durch die Gegend tragen können. Aber ich bin ja ein Sheltandpony. Trotzdem zum Vergleich: Meine Mohawk-Jacke wiegt inkl. der dicken Protektoren an Schultern, Ellenbogen und Rücken "nur" 2,8 Kg. Man stelle sich in dem Zusammenhang zwei 1,5 Liter PET-Wasserflaschen vor, die man permanent mit sich rumschleppt. Und die Tech Air ist nochmal schwerer, mit ein wenig Geraffel in den Taschen sind es drei PET-Flaschen.

Immerhin, das High-Tech-Innenleben sieht man der Valparaiso nicht auf den ersten Blick an. Es seit denn, man guckt auf den Ärmel. Dort leuchtet das LED-Panel wie ein Scheinwerfer. Die LED sind hell. WIRKLICH hell.

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Klar, man kann sie auch bei Sonnenlicht gut ablesen, aber man läuft halt rum wie ein elektrischer Cowboy. Aber immerhin hat man im Dunkeln eine Taschenlampe am Arm. So hell ist die Status-LED bei absoluter Dunkelheit: Auf 3 Meter Entfernung wirft die diesen Kreis mit 1 Meter Durchmesser auf die Wand meines Schlafzimmers!

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Abhilfe schafft hier ein Stück Isolierband zum Abdecken der LEDs, so dass nur noch ein kleines Bisschen Licht nach Außen dringt. Das reicht zum Ablesen des Status, wirkt aber nicht so aufdringlich.

Immerhin ist das Statuspanel gut designt. Das kann man vom Ladeanschuss nicht behaupten, der halt in der Mitte des Rückenprotektors sitzt. Insbesondere wenn die Innenfutter eingeknöpft sind, ist das finden des Micro-USB-Ports eine irre Fummelei. Abhilfe schafft hier ein kurzes USB-Kabel, das man einfach dauerhaft dran lässt.

Ebenfalls schlecht designt: Die Valparaiso-Jacke hat mehre Netzinnentaschen, die mit dem Airbageinsatz aber alle nicht mehr nutzbar sind. Die Airbagweste selbst verfügt über keine Taschen. Das ist vermutlich so gewollt, damit man nicht versehentlich die Weste oder sich selbst perforiert, aber trotzdem schade.

...und Positives

Es gibt aber auch Gutes zu vermelden. Hat man sich an den strammen Sitz gewöhnt, dann trägt sich das System aus Weste und Jacke wirklich bequem. Beim Fahren bemerkt man es ohnehin nicht, und auch beim Rumlaufen ist es kaum zu merken. Die dünnen Protektoren an Ellenbogen und Schultern sind kaum zu spüren, der Rückenprotektor hat eine angenehme Passform. Das Gefühl wie bei meiner alten Protektorenjacke, hier eine Ritterüstung zu tragen, stellt sich nicht ein. Im Gegenteil: Die Valparaiso Tech Air fühlt sich beweglicher an als die alte Jacke.

Erst im Laufe der Zeit fällt einem dann auf, wie clever manche Details designt sind. So ist die wasserdichte Napoleon-Tasche zwar eigentlich eine Innentasche, aber sie ist zugänglich ohne den Hauptreissverschluss öffnen zu müssen. Damit kann man schnell mal das Handy rausholen, ohne dass das Airbagsystem danach neu starten muss. Auch die Einstellmöglichkeiten und die Bedienung der Jacke sind sehr praxistauglich. Reissverschlüsse lassen sich gut greifen, Einstellbänder sorgen dafür, dass auch bei Tempo 200 nichts flattert und die Protektoren immer da sitzen, wo sie sein sollten.

Ebenfalls positiv ist der Support. Bei Alpine Stars bin ich jetzt Premiumkunde. Kurz nach dem Kauf habe ich Post und Zugang zu einem Portal bekommen. Darin kann ich nicht nur Support anfordern, Dokumente einsehen, Zertifikate und Software runterladen, sondern auch die Daten meines "Chassis" ansehen: Seriennummer, welche Technikerin es in Asolo gefertigt hat, Servicehistorie, etc.

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Alle zwei Jahre sollte die Weste eingeschickt werden. Gegen eine Gebühr von 100 Euro wird sie dann gewartet, dafür verlängert sich die Herstellergarantie um 24 Monate. Hatte ich einen Unfall und sowohl ich als auch die Weste haben das überlebt, kann ich im Portal eine Aufarbeitung bestellen. Die Weste wird dann geprüft und neu geladen, ist also in der Theorie mehrfach verwendbar.

Bequem ist auch die Software. Mittels einer einfachen Oberfläche lässt sich die Funktion der Weste prüfen und Softwareupdates einspielen. Nur den Punkt "Zünder Prüfen" traue ich mich nicht anzuklicken.

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Das vorläufige Fazit: Weiß noch nicht genau. Auf der einen Seite macht die Tech Air Valparaiso viel Freude durch die wertige Verarbeitung und die tollen Materialien. Auf der anderen Seite gibt es das ein oder andere, was nerven kann - wie schwer das wirklich wiegt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Dann muss sich die Valparaiso Tech Air auf der Straße und im Dauereinsatz beweisen, dazu wird es dann ein Update geben. Einstweilen bin ich froh, dass ich dieses mehrmonatige Drama mit der Jackenanschaffung hinter mir habe.



Alpine Stars Valparaiso Tech Air 2018

Negativ:
- Unergonomische Befestigung der Airbagweste
- Lange Kalibrationszeit
- Gewöhnungsbedürftiger Schließkontakt
- zu helles LED-Panel
- Hohes Gewicht
- Ladeanschluss versteckt irgendwo im Inneren der Jacke
- Innentaschen nicht nutzbar
- Scheiß teuer

Positiv:
+ Verarbeitung
+ Pfiffige Detaillösungen
+ Gigantische Lüftung
+ dünne und bewegliche, aber ordentliche Protektoren
+ Schichtsystem mit Membran- und Thermoeinsatz
+ Schutzwirkung (hoffentlich)
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Re: Airbagjacke: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street-System

Beitragvon Zauberer » 22.05.2018, 08:08

Ein sehr ausführlicher und gelungener Beitrag. Danke!
Es ist ein Haufen Kohle, der da investiert wurde und das Mehr an Sicherheit bestimmt auch wert. Aber will ich mir diese ganzen Zwänge auferlegen? Da kommt dann doch bald der Gedanke hoch, das Motorradfahren ganz zu lassen und die volle Sicherheit erlangen.
Ich bin gespannt auf den Bericht des Dauereinsatzes.
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Re: Airbagjacke: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street-System

Beitragvon mebo23 » 24.05.2018, 22:06

Toller Bericht.
Da kann mein Import Lederkombi nicht mithalten.
Berichte bitte weiter vom täglichen Einsatz.

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Re: Airbagjacke: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street-System

Beitragvon Scaz0r » 25.05.2018, 17:43

Mega Bericht! Danke dafür!
Bin derzeit auch auf der Suche nach einem Ersatz für meine jetzt jast 8 Jahre alte Textilkombi... Sie ist zwar noch in ordnung usw. aber so langsam will ich dann doch mal was anderes :D
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Update nach 7.500 Km: Alpine Stars Tech Air in der Praxis

Beitragvon Silencer » 16.07.2018, 21:21

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Wie fühlt es sich eigentlich an, mit einer Jacke Motorrad zu fahren, die rundrum einen Airbag eingearbeitet hat? Wie ist es, auf dem Rücken Gaskartuschen und einen Computer durch die Gegend zu tragen? Irritiert es, das am Unterarm Status-LEDs leuchten? Und am wichtigsten: Ist das alltagstauglich? Ich habe in den vergangenen zwei Monaten rund 7.500 Kilometer Erfahrung mit dem Tech Air-System von Alpine Stars gesammelt, im Alltag, auf Kurzstrecken und während einer Fernreise nach Südeuropa. Jetzt bin ich von der Reise wieder da, aber das Tech Air hat es nicht mit mir zusammen nach Hause geschafft. Das kam so.


Seit Mitte Mai bin ich Besitzer eines Tech-Air-Systems. Das besteht aus zwei Teilen: Einer Tourenjacke und einer Airbagweste. Die Jacke ist ein fast ganz normales Kleidungsstück aus Polyamid und Leder, mit einem herausnehmbaren Membran- und einem Thermofutter.


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Ganz genauso wie fast alle anderen Tourenjacken auch. Die Unterschiede zu normalen Kleidungsstücken sind kaum sichtbar: Die Jacke hat im Rückenteil zwei Datenkabel, am Frontreissverschluss einen Magnetschalter und linken Unterarm drei Status-LEDs.

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Das eigentlich aufregende ist das "Chassis", wie Alpine Stars die Weste mit dem Airbag nennt. Die wird in die Jacke eingeknöpft und mit den Kabeln verbunden und fühlt sich erstmal an wie eine normale Protektorenweste. Der Rückenprotektor trägt ein wenig auf, genau wie die bekannten "Schildkröten", die umschnallbaren Schaum- oder Hartschalenprotektoren.

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Im Chassis steckt rund herum der eigentliche Airbag, der Brust, Bauch, Nieren, Seiten, Rücken und Oberarme schützt. Im Rückenpanzer stecken zwei Gaskartuschen und der Rechner samt Steuergeräten sowie ein Gyroskop, an jeder Schulter der Weste sitzt ein Beschleunigungssensor.

Wenn man die Jacke schließt, wird damit auch der Magnetsensor am vorderen Reißverschluss aktiviert. Jetzt beginnen die LEDs am Jackenärmel zu blinken und zeigen nacheinander Funktionsbereitschaft und Ladestand der Batterie. Dann beginnt das System mit einem Startcheck und einer Kalibrierung. Während der Kalibrierung sollte man nicht still stehen, aber auch keine Treppe runterspringen, denn der Computer prüft nun die Sensoren und ermittelt so Lage und "Normalzustand" des Systems.

Nach 20 bis 60 Sekunden ist alles eingepegelt und das System ist einsatzbereit. Ist der Magnetschalter am Frontreissverschluss nicht geschlossen oder die Kalibrierung schlägt fehl oder einer der Sensoren meldet Merkwürdigkeiten, ist der Airbag nicht aktiv. Es kann also nicht passieren, dass man unversehens zum Michelinmännchen wird, weil das System versehentlich auslöst.

Bei Trockenübungen im heimischen Wohnzimmer dauerte die Kalibration oft sehr lange und klappte nur in 80 Prozent der Fälle, weshalb ich schon argwöhnte, dass das ein Nervfaktor sein könnte. Deshalb war ich gespannt, wie sich das Tech Air in der Praxis macht.

Ich habe Jacke und Chassis nun in unterschiedlichsten Situationen und auf zwei verschiedenen Motorrädern getragen. Zum einen auf einer sportlichen ZZR 600, mit der ich 1.000 km kurze Strecken in der Stadt und auf dem Land und Tagestouren gefahren bin, zum anderen auf einer Reiseenduro, mit der ich 1.000 km so rumgekurvt bin und mit der es dann auf eine wochenlange Fernreise in den Süden ging. Da hieß es: Jeden Tag ein Dutzend mal Jacke auf, Jacke zu. Über eine Fahrstrecke von 5.500 Kilometern. Mit Regenkombi. Ohne Regenkombi. Bei Temperaturen von fünf Grad in Regen und Nebel bis hin zu 40 Grad in sengender Sonne. In sehr trockene Luft genauso wie bei Luftfeuchtigkeiten von 100 Prozent, dazu Höhenwechsel von zweitausend Metern binnen kurzer Zeit, und und und.

Ich bin in der Jacke unter allen Bedingungen gefahren, dazu damit gewandert, auf Stadtmauern rumgerannt und durch Höhlen geklettert. Drei Wochen lang habe ich das Tech Air jeden Tag fünf bis 10 Stunden getragen. Ein echter Härtetest, und bei Dauernutzung würde sich selbst die kleinste Kleinigkeit, die nicht hundert Pro passt, zum handfesten Ärgernis auswachsen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig bedenken, dass ich über irgend was stolpere, das mich ärgert oder Aufwand verursacht. Als bequemer Mensch wäre ich dann vermutlich sehr schnell wieder bei normalen Protektoren gelandet. Aber:

Good News, everyone!

Die gute Nachricht: Die Elektronik in der Jacke nervt in der Praxis nicht.

Überhaupt kein Problem ist die Akkulaufzeit. Der Akku hält mit einer Ladung sogar länger als die von Alpine Stars angegebenen 25 Stunden. Ich bin einmal über 30 Stunden gefahren und hätte noch Reserve für mindesten 4 Stunden gehabt. Selbst wenn man pro Tag 8 bis 10 Stunden fährt, muss man damit nur alle 3 Tage ans Aufladen denken.

Auch die Status-LEDs, die mir durch vermeindlich übertriebene Helligkeit unangenehm aufgefallen waren, stellten sich als praktisch heraus. Die hohe Leuchtstärke sorgt dafür, dass selbst bei direkter Sonneneinstrahlung oder durch die Regenkombi hindurch der Status des Systems ablesbar ist.


Das vermeintliche Sorgenkind, der Kalibrationsvorgang, funktioniert im Alltag sehr zuverlässig. Sehr schnell hat sich bei mir ein Automatismus eingeschliffen, dass ich lediglich beim Schließen der Jacke ein mal auf den Ärmel gucke ob die LEDs aufleuchten, ansonsten ignoriere ich das System.

Das Aufblinken der LEDS ist das ist das Zeichen, dass der Magnetschalter in der Reißverschlussleiste richtig geschlossen ist - meine Jacke hat noch nicht, wie bei den späteren Modellen, einen gelben Klettverschluss an dieser Stelle. Mit Klettverschluss entfällt vermutlich sogar dieser Prüfblick. Ist die Jacke zu, startet die Kalibrierung. Ist die erfolgreich, leuchtet ein grünes Licht und alles ist gut. Im Alltag klappt die Kalibrierung in nahezu hundert Prozent aller Fälle.

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Nur sehr selten funktioniert die Kalibrierung nicht auf Anhieb. Dann muss man sie noch einmal neu starten, indem man die Jacke öffnet und wieder schließt. Mit der Zeit merkt man schon, was man in der Kalibrierungsphase machen darf und was nicht. Typische Fälle, in denen die Kalibration ziemlich sicher nicht klappt: Situationen, in denen man sich um mehrere Achsen bewegt. Beispiel: Wenn man auf dem Bike sitzend die Jacke aktiviert und sofort eine sehr kurvige Straße mit schnellen Richtungswechseln fährt. Oder wenn man während der Kalibrierung eine Wendeltreppe runter läuft. Oder sich währenddessen bückt, um noch mal schnell den Zustand der Kette zu prüfen. Das sind so Bewegungen, wo man nach einiger Zeit schon ahnt, dass das jetzt nicht geklappt haben kann.

Ich hatte damit aber keine Probleme. Mein Standardablauf ist: Jacke schließen, prüfender Blick auf die LEDs, dann Helm aufsetzen, Handschuhe anziehen. Meist ist die Kalibrierung jetzt schon erfolgreich abgeschlossen. Falls nicht, egal - ich setze mich auf´s Motorrad und fahre los (wenn die Straße nicht gerade superkurvig ist). Spätestens nach ein paar hundert Metern ist das System dann fertig kalibriert und läuft. Anfangs habe ich immer nochmal in den Rückspiegel geschaut, ob an meinem Unterarm die grüne LED leuchtet. Da sie das nahezu immer tut, habe ich diesen zweiten Kontrollblick irgendwann vergessen.

Ein Blick beim Anziehen, mehr Aufmerksamkeit erfordert das Tech Air nicht.

Die Kalibrierung nervt also nicht, und die Jacke ist super bequem. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass sie im Vergleich zu meiner alten Jacke sehr eng sitzt, aber das muss so und ist Konzept. Unbequem ist sie dabei nicht.

Die vielen Taschen sind für Reisen ideal, und die wasserdichten Reißverschlusstaschen sind auch WIRKLICH wasserdicht (für Sie getestet, bitte gerne).


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Dank der überaus durchdachten Belüftung schwitzte ich während der Fahrt auch bei hohen Temperaturen nicht mal richtig. Es gibt aber auch keinen spürbaren Luftzug in der Jacke, da das Chassis wie eine zusätzliche Weste wirkt - Jacke und Airbagweste sind also wirklich perfekt aufeinander abgestimmt.

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Bei sportlicher, nach vorne geneigter Sitzhaltung, wie auf der ZZR, funktioniert die Lüftung übrigens einen Tucken besser, weil mehr Luft in die Armöffnungen einströmen kann. Das geht bei der aufrechteren Sitzhaltung und dem besseren Windschutz auf der V-Strom nur in geringerem Umfang, reicht aber immer noch aus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Entsorgung der Abwärme problematisch werden kann, wenn das Motorrad ein so großes Windschild hat, das dahinter gar kein Fahrtwind mehr zu spüren ist. Aber wer so eine rollende Schrankwand fährt, will das auch so.

In der Summe ist das Zusammenspiel und der Sitz von Jacke und Chassis so gut und angenehm, dass ich nach kurzer Zeit vergessen hatte, dass ich einen Airbag am Körper habe. Prüfblick beim Anziehen, dann Vergessen das ich es trage.

Das ist, glaube ich, das Beste, was man über das Tech Air-System sagen kann: Man vergisst, das man es trägt. Es macht keinen Aufwand, es stört nicht, aber es ist da, wenn es gebraucht wird.


The good, the bad and the stinky

Nun gehöre zu den Tourenfahrern, die sich auf Reisen gerne Dinge angucken. Ich strolche in Museen und Burgen rum, ich gehe in meinen Motorradklamotten spazieren, gucke mir Städte an, manchmal klettere ich damit sogar auf Berge. Zugegeben, sehr kleine Berge, aber immerhin. Bei solchen Aktivitäten macht sich das Tech Air dann unangenehm bemerkbar. Zum einen ist da das Gewicht. Die Valparaiso-Jacke wiegt ohne Chassis und ohne Thermo- und Membranfutter, aber mit Protektoren, nur rund 1.800 Gramm. Das ist sehr leicht.

Das Chassis dagegen wiegt rund 2 Kilogramm. Noch hier ein Bißchen Geraffel in den Jackentaschen und dort einen Schlüsselbund und das Handy und zack, trägt man viereinhalb bis fünf Kilo Jacke am Körper. Ich kann Gewicht durchaus ab, was mich aber richtig stört ist die Hitze im Inneren der Jacke. Sicher war die Situation auf der gerade absolvierten Reise extrem, denn wir reden hier von Außentemperaturen von über 30 Grad, bei denen ich in der prallen Sonne rumgelaufen bin. Das ist mit dem Tech Air eine Tortur. Das Chassis enthält halt rundum einen Airbag aus Polyamid und hat damit die Atmungsaktivität einer Plastiktüte.

Auch wenn rundum Mesh ist, nach kurzer Zeit kocht man im eigenen Saft, wenn die Belüftung durch den Fahrtwind fehlt. Anziehen kann man die Jacke bei solchen Temperaturen und bei körperlichen Aktivitäten eigentlich nicht. Sie zu tragen ist aber auch nicht einfach, denn durch das hohe Gewicht und den breiten Rückenprotektor lässt sie sich auch nicht einfach über die Schulter hängen oder über dem Arm tragen. Man schleppt sich im wahrsten Sinne daran kaputt. In ein Topcase passt sie wegen des festen Rückenteils aber auch nicht, und ich bin nicht jemand, der seine Jacke auf dem Motorrad lässt - auch dann nicht, wenn sie mit einem Stahlkabelschloss gesichert ist. Zumal die Jacke mit dem Chassis zusammen rund 1.900 Euro kostet, sowas lässt man nicht einfach rumliegen.

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Ich habe mir also täglich einen abgeschleppt und wirklich literweise Schweiß in das Chassis geschwitzt, das nach wenigen Tagen anfing zu riechen wie ein Berg alter Socken. Nach zwei Wochen, in denen ich es jeden Tag 5-10 Stunden und bei hohen Temperaturen trug, roch es wie ein ganzer Schweinestall, in dem die Güllepumpe explodiert ist. Wirklich, der Geruch ist abartig. Ich habe am Ende wirklich schon das Chassis abends aus der Jacke ausgebaut und auf den Balkon zum Auslüften gehängt, aber das brachte irgendwann auch nur noch bedingt was. Das Mesh und die Innenpolsterung sind aus Polyester, und das hält den Schweißgeruch zuverlässig mehrere Tage. Das hat mich etwas erstaunt, bei dem Preis hätte ich Material mit Anti-Müffel-Ionen oder sowas erwartet.

Ich möchte aber betonen: Bei normaler Nutzung auf dem Motorrad und in unseren Breitengraden hatte ich mit Schweißgeruch keinerlei Probleme. Das Chassis fing erst an zu müffeln, als ich bei sehr hohen Außentemperaturen Dinge darin anstellte, für die es nicht gemacht ist.


Fehlfunktionen

Mein Tech Air ist tatsächlich kaputt gegangen. Es sich begann nach zweieinhalb Wochen auf Reisen, dass plötzlich dauernd die rote LED ansprang und damit zeigte, dass sich das System abgeschaltet hatte. Entweder direkt nach Beginn der Kalibrierung oder während der Fahrt wechselte das System von Grün auf Rot. Plötzlich merkte ich sehr deutlich, wie angenehm und unkompliziert die Handhabung vorher war, denn nun musste ich ständig nachschauen, ob das Ding wirklich noch lief oder schon wieder rumzickte. Das nervte tierisch, aber dass das nicht normal war, war mir schnell klar.

Nun hat das Chassis am Rücken einen Mikro-USB-Port, der nicht nur zum Aufladen dient, sondern auch zur Diagnose.


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Jedes TechAir-Chassis wird auf seinen Besitzer registriert. Als Kunde habe ich Zugriff auf ein Serviceportal, in dem mir auch eine Diagnosesoftware (nur Windows) zur Verfügung gestellt wird. Die hatte ich auf meinem Netbook.

Also Rechner an das Chassis angeschlossen und die Daten ausgelesen. Im Ernst, ich schließe einen Computer an meine Kleidung an, um deren Fehlerspeicher auszulesen.


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Neben Infos zu meiner Person, bei welchem Händler ich das Chassis gekauft habe und aktuellen Messwerten gibt es auch ein Errorlog, in dem das TechAir-System Fehler speichert. Hier war dann sehr deutlich zu sehen, dass der Sensor in der linken Schulter Fehler produzierte. Das tat er einmal recht am Anfang, als das Chassis fast neu war, ab Betriebsstunde 82 kamen die Fehler dann aber massiv und gehäuft.

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"Bei Alpine Stars bist Du jetzt Premiumkunde", hatte mir der Händler beim Kauf erklärt, und ich hatte das als dummes Gelaber abgetan. Dennoch wollte ich jetzt mal wissen, wie gut der Support für das TechAir wirklich ist.


Tech Air Support

Ich schickte an einem Sonntag Abend um 22:00 Uhr eine Mail an die, im Serviceportal angegebene, Adresse. In der beschrieb ich den Fehler und hängte das Errorlog an. Montag Morgen um 07:30 Uhr, also quasi unmittelbar und sofort, hatte ich eine Antwort: Ich möge bitte das Chassis einschicken, Alpine Stars wolle gerne eine Inspektion machen. Nun sitzt Alpine Stars in Norditalien, und da ich eh gerade für zwei Tage in der Region war, fragte ich an, ob ich nicht vorbeikommen könnte. Innerhalb von Minuten kam die Antwort vom Support: Man habe keine Vor-Ort-annahme für Endkunden, aber ich könne gerne vorbeikommen und man würde versuchen, innerhalb der zwei Tage, die ich in der Region wäre, das Chassis zu prüfen und zu reparieren.

Gesagt, getan. Also in den heiligen Hallen der Alpine Stars-Zentrale vorbeigefahren, die erstaunlicherweise - obwohl es sich mittlerweile um ein Weltunternehmen handelt - relativ klein wirken.

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Der Umgang in der Firmenzentrale ist familiär, aber auch hoch professionell. Ich traf mich mit einem Supportmitarbeiter, der das Chassis entgegennahm und mir für die Zwischenzeit einen normalen Rückenprotektor lieh - dadurch, dass die keinen Endkundenservice in der Zentrale haben, war kein Austausch-Chassis verfügbar.

Verbesserungsvorschläge

Im Gespräch konnte ich dann gleich noch ein paar Anregungen loswerden, basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Wochen. Zuvorderst: MACHT VERSION 2 AUS MATERIAL, DAS NICHT NACH EINIGEN TAGEN ANFÄNGT ZU STINKEN WIE EIN PFERD AUS DEM HINTERN.

Und: Der Ladeport muss definitiv anders platziert werden, so dass er besser erreichbar ist. Oder das Ladesystem muss generell anders, denn der Mikro-USB-Anschluss ist zu fummelig. Der sitzt nämlich versenkt zwischen den beiden Datenkabeln zur Jacke. Damit ist er schwer zu erreichen, und man läuft Gefahr in den fragilen Datenkabeln hängen zu bleiben und sie aus den Stecker zu reißen.

Ich habe mir, nach Anregung von Kalesco, ein Magsafe-System da dran gebastelt.

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Es gibt mittlerweile Magneteinsätze für Mikro-USB-Ports. Ein Teil kommt in die Buchse und bleibt dort, auf den USB-Stecker kommt ein Magnetaufsatz. Ab dem Moment braucht man das Ladekabel nur noch in die ungefähre Nähe des Ports bringen, dann klickt das von alleine ein, wie rum ist egal. Zum Aufladen reicht das, für Datenübertragung aber leider nicht - zumindest mein Rechner erkennt kein USB-Gerät, wenn der Magsafe-Anschluss an einem zwei Meter langen Kabel sitzt.

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Mit dem Support vereinbarte ich dann, dass sie sich Zeit lassen sollten für Prüfung und Reparatur des Chassis und es mir dann nach Hause schicken. Ich bin dann mit dem geliehenen Rückenprotektor nach Deutschland zurückgekehrt. Über das Kundenportal konnte ich sehen, das unmittelbar am Tag nach meinem Besuch schon mit der Reparatur begonnen wurde, und sogar, welcher Techniker welches Teil ausgetauscht hat. Alpine Stars macht dabei keine Gefangenen, im Sinne von: Die doktorn daran irgendwie rum und tauschen nur ein Teil aus. Nein, nicht nur der defekte Beschleunigungsmesser wurde ausgetauscht, sondern gleich alle Schultersensoren, und das Steuergerät gleich noch dazu. Und wo man schon mal dabei war, wurde auch gleich noch die neue Firmware aufgespielt und das Ganze 24 Stunden getestet.


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Eine Woche später wurde mir das Chassis per UPS geliefert.

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Auch hier ist nochmal dokumentiert was gemacht wurde. Gereinigt wurde es leider nicht, es müffelt immer noch ein wenig, aber das man muss schon sehr genau hinriechen um das zu merken. Der Schweißgeruch verfliegt also nach einer Zeit.

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Über den Hardwaredefekt habe ich mich gar nicht groß geärgert, gab er mir doch die Gelegenheit den Service von Alpine Stars auszuprobieren. Für einen Praxistest war das fast ein Glücksfall. Technik kann immer mal kaputt gehen, und wie das Log deutlich zeigt, hatte der Sensor von Anfang an einen weg. Daraus würde ich nicht generell auf die Qualität der verbauten Komponenten schließen wollen. Technik kann kaputt gehen, und die Qualität eines Dings macht sich heute auch daran fest, wie der Hersteller dann mit dem Defekt umgeht.

Alpine Stars geht damit vorbildlich um, besser kann man es eigentlich nicht machen. Die Responsezeiten des Tech Air-Supports sind erstklassig, ich bekam keine Textbausteine und kein Geschwafel zurück, die Kommunikation ist direkt und persönlich und am anderen Ende sitzt Fachpersonal, das sich wirklich auskennt. Die Reparatur ging superfix, und da es innerhalb der zweijährigen Garantie war, war das auch alles kostenlos.

Die Garantie verlängert sich übrigens um 24 Monate, wenn man einen Inspektionsservice bei Alpine Stars durchführen lässt. Bei dem werden alle Komponenten gecheckt und das Chassis gereinigt. Kostet 99 Euro, dafür hat man dann die Gewissheit, dass alles OK ist und jegliches Problem auf Kosten von Alpine Stars behoben wird. Bis zu fünf mal lässt sich die Garantie verlängern, damit kommt man in Summe auf 10 Jahre Herstellergarantie. Alpine Stars begreift Tech Air als eine Kombination aus Hardware und Dienstleistung, und die Dienstleistung hat ordentlich durchdefinierte Prozesse.



Erkenntnisse

Meine Meinung nach zwei Monaten und insgesamt 7.500 Kilometern mit dem Tech Air: Das Ding ist praxistauglich, ohne Frage. Es sitzt bequem, es nervt nicht, man vergisst nach einiger Zeit, dass man es trägt. Beim Motorradfahren spürt man es nicht mal. Das ist super, besser geht es eigentlich kaum.

In unseren Breitengraden, bei normalen Außentemperaturen und für kurze und mittlere Fahrten sehe ich überhaupt keine Einschränkungen oder Probleme.

Man erkauft sich mit dem Tech Air ein Mehr an Sicherheit, das mit wenig zusätzlichem Aufwand verbunden ist. Den prüfenden Blick beim Schließen der Jacke, ansonsten ab und zu aufladen, das war es. Das der Ladeanschluss fummelig ist, lässt sich mit einem Magnetconnector für 5 Euro ausgleichen.

Das Tech Air ist absolut geeignet für fast alles, was mit Motorradfahren zusammenhängt. Kurztourer, Schön-Wetter-Biker, Brot&amp;Butter-Fahrer und Leute, die gelegentlich die Rennstrecke besuchen, werden damit sehr glücklich. Langstreckentourer mit Hang zu südlichen Ländern und einer Affinität zu Aktivitäten ohne Motorrad sollten sich vorher sehr gut überlegen, ob sie mit dem hohen Gewicht, ggf. starker Wärme klarkommen.

Nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind die Klamotten, um am Ziel einer Fahrt kilometerweit darin zu wandern oder in den Bergen rumzuklettern, schon gar nicht bei Temperaturen jenseits der 30 Grad Marke. Tut man das trotzdem, schwitzt man sich darin kaputt oder schleppt sich einen Wolf. Hat man wochenlang täglich literweise Schweiß hineingejaucht, müffelt es - bei dieser Preisklasse hätte ich Materialien mit Anti-Müffel-Ionen oder sowas erwartet. Vermutlich ist das aber ein Randgruppenproblem. Gibt ja nicht viele Bescheuerte, die in Motorradklamotten so bewegungsintensiven Quatsch machen, und bei normaler Nutzung fängt das Chassis nicht an unangenehm zu riechen.

Von daher: Ich kann für mich sagen, dass das Tech Air absolut OK für mich ist. Es gibt während der Fahrt nichts, was mich stören oder Aufwand verursachen würde, weshalb die alte Jacke mit den Standardprotektoren im Schrank bleibt. ABER: Wenn ich aber nochmal vorhabe in den Bergen rumzuwandern, werde ich aber zusehen, dass ich vorher eine Möglichkeit finde die Jacke nicht mitschleppen zu müssen.
Meine Kleine: 2003er E-Modell, 88k km, Motor 68k, Tourenfahrer.

Mein Blog auf Silencer137.com


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